Wespen – Eine Versöhnung

Sachbuchübersetzung geht in der Regel mit so einigem Rechercheaufwand einher. Meine Arbeit an Seirian Sumners Endless Forms – The Secret World of Wasps war dabei keine Ausnahme: Auf gut 400 Seiten liefert die britische Entomologin und Verhaltensökologin einen detaillierten Einblick in die faszinierende Welt der Wespen. Um die unangenehm aufdringlichen, schwarz-gelben „Picknickwespen“, die unsere Vorstellung der gesamten Insektengruppe prägen, geht es dabei nur am Rande: von kaum mit bloßem Auge erkennbaren Zwergwespen bis hin zu mehrere Zentimeter großen Schlupfwespen, wurden bisher an die 100.000 Arten beschrieben. Der überwiegende Großteil davon zählt zu der wenig bekannten Gruppe der parasitoiden Wespen, die keinen Wehrstachel, sondern sozusagen dessen Vorläufer besitzen – einen Legebohrer, mit dem sie ihre Eier in oder auf anderen Organismen ablegen können. Die schlüpfende Larve ernährt sich dann von dem noch lebenden Wirt, zum Beispiel Raupen, Spinnen, Blattläusen oder Käferlarven.

Egal ob es um die Rolle der Wespen als „Schädlingsbekämpfer der Natur“, ihre sagenhafte Evolutionsgeschichte (Bienen und Ameisen stammen von ihnen ab) oder das Potenzial ihres Gifts für die Krebstherapie geht – Sumner gelingt es, auch fachfremden Lesern die oft komplexen wissenschaftlichen Zusammenhänge unterhaltsam und anschaulich zu vermitteln. Ihre Begeisterung ist aber auch einfach zu ansteckend, um sich nicht davon mitreißen zu lassen.

Und ich gebe gern zu: Die fünf Monate, die ich mit diesem Buch und damit in Gesellschaft der „Gangster der Insektenwelt“ verbracht habe, haben auch aus mir einen Wespenfan gemacht. Was ich beim Übersetzen spannend fand, war, wie deutlich man die Persönlichkeit der Autorin aus dem Text heraushört: es ist die Stimme einer sehr aufgeweckten, intelligenten Frau, die unglaublich viel Freude an ihrem Thema hat und es versteht, diese auch mit ihren Lesern zu teilen.

Nichtsdestotrotz, als nicht-Biologin musste ich mich erst mal ziemlich gründlich in das Thema einarbeiten, um beim Übersetzen keine wichtigen Zusammenhänge zu übersehen. Denn hinter scheinbar alltäglichen Bezeichnungen können sich schon mal Fachbegriffe verbergen: Wenn bei Insekten von „adulthood“ die Rede ist, ist der Adultzustand gemeint, „next year’s queens“ sind die neuen Jungköniginnen und ein „cue“ ist in der Verhaltensforschung ein Hinweisreiz – all das findet man natürlich in keinem Wörterbuch. Knifflig war außerdem die Übertragung von Arten- und Trivialnamen, bei denen es oft einige (aber selten ganz exakte) Überschneidungen gibt. Der englische Begriff „potter wasp“ etwa bezeichnet eine Unterfamilie der Faltenwespen, die im Deutschen als Solitäre Faltenwespe oder auch Lehmwespe bekannt ist. Zwar gibt es auch die „Töpferwespe“, die bezeichnet aber eine bestimmte Gattung innerhalb dieser Unterfamilie. Um dennoch den Bezug zum Text herzustellen, in dem die Autorin oft liebevoll von den fleißigen „potters“ (bei mir: Töpferinnen) spricht, habe ich die Töpferwespe dennoch einmal erwähnt, mit dem Hinweis auf ihre systematische Einordnung.

Dann wiederum tauchten Bezeichnungen auf, für die es gar keine deutsche Entsprechung gibt, so etwa die „yellowjackets“ (Trivialname für die oben genannten „Picknickwespen“ in schwarz-gelbem Gewand, genauer: die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe) oder „hunting wasps“ (ordnungsübergreifend für alle Arten, die Beute für ihre Brut beschaffen, also räuberische oder Raubwespen). Und auch für einige wissenschaftliche Fachbegriffe musste eine deutsche Entsprechung erst noch gefunden werden.

Alles in allem war es ein gutes Stück Übersetzungs- und Recherchearbeit, die sich gelohnt hat: Die Wespen landeten prompt auf der Longlist zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2024. Und sind bis jetzt mein absoluter Lieblingstitel meiner Übersetzungen!

Rezensionen

FAZ: „Aufholjagd gegen die Bienen“ 19. September 2023

DIE WELT: „Warum Wespen wichtig und so viel besser sind als ihr Ruf“ 6. Juli 2023

DIE ZEIT: „Piratin der Lüfte“ 24. Juli 2023 – hier geht es auch um den im selben Jahr erschienenen Band „Wespen – Ein Portrait“ des renommierten Entomologen Michael Ohl (Matthes & Seitz 2023).

30fb2625fd6f42ecab98b92ddb223cc1